Wolke-Blog

Willkommen im Blog des Wolke Verlags! Hier teilen wir regelmäßig Einblicke in unsere Bücher und Projekte – mit Empfehlungen, Autor:innenbeiträgen, Hintergründen und Geschichten aus unserem Verlagsalltag.

Mit SYNKOPEN startet eine neue Reihe, die sich den radikalen Gegenwartsfragen der Musik im 21. Jahrhundert stellt. Schnell, kantig, fragmentarisch gedacht, versammelt sie Stimmen aus Komposition, Philosophie, Theorie und Kunst.

Zwischen Essay und Manifest entsteht ein Raum für das Unabgeschlossene und Streitbare – ein Ort, an dem Denken in Bewegung gerät und Musik als gesellschaftliche Praxis neu verhandelt wird.

SYNKOPEN richtet sich an alle, die verstehen wollen, was gerade passiert und was als Nächstes möglich ist.

Über kompositorisches Denken in mehr-als-musikalischen Kontexten

Der Essay begreift kompositorisches Denken als eine Praxis des Öffnens, Queerens und Umordnens von Welt – jenseits klassischer Vorstellungen von Autorschaft und Kontrolle. Partituren erscheinen dabei als Einladungen zu Kooperation, Ambivalenz und neuen Formen des Zusammenwirkens. So wird Komposition zu einer transdisziplinären Strategie, die normative Ordnungen hinterfragt und kollektive Prozesse ins Zentrum rückt.

Im Folgenden einige persönliche Worte von Eloain Lovis Hübner zu ihrem Buch: 

„Der Text basiert auf einer Lecture, die ich 2025 am Campus Gegenwart in Stuttgart gehalten habe, und ist davon ausgehend zu einer experimentellen Essayform geworden, bei der ich mir – inspiriert von den vielstimmigen Ansätzen etwa bei McKenzie Wark oder bei Paul Preciado – Stimmen dazuhole, Stimmen leihe, von Denker:innen und Künstler:innen, die für mich eine Wichtigkeit haben und die ich hier verschiedene Stationen aus meinem Leben flankieren lasse. Aufbauend auf diesen Episoden spüre ich einem Begriff oder einer Vorstellung vom kompositorischen Denken nach – spüre nach, wie ich diesen Begriff über die Jahre für mich verortet und geformt habe, was das Theater damit zu tun hat und welche Überschneidungs- und Anknüpfungspunkte er sonst noch in die Welt hinein bietet. Ich mache mir auch Gedanken über Ausbildungswege und -konzepte und möchte mit diesem Text außerdem eine Antwort versuchen auf die Frage, wo und wie und warum Kunst und Leben im Feld der Neuen Musik  denn nun eigentlich wirklich zusammenfallen und wo genau die Wichtigkeit eines Immer-weiter-Erfindens von immer neuer Musik für das Leben in der Gegenwart liegt.”

In Wo hört die Musik auf? untersucht Peter Kraut in 100 Doppelbetrachtungen die Grenzen der Musik und ihre inneren Widersprüche. Zwischen Musikgeschichte, Pop-Kultur und Klangphilosophie entsteht ein Denken, das Musik befragt.

Ausgehend von konkreten Hörerfahrungen und theoretischen Verschiebungen wird Musik hier nicht als Objekt des Wissens verstanden, sondern als Gegenüber. Fragen sind dabei selbst eine ästhetische Praxis.

Kraut interessiert sich für das Offene und Unabschließbare im musikalischen Denken – für das, was sich eindeutiger Bedeutung entzieht. Zwischen Analyse und Reflexion entsteht ein Raum, in dem Gewissheiten über Form, Sinn und Autorschaft bewusst ins Schwanken geraten.

Ein Buch für alle, die sich von Musik irritieren und neu ausrichten lassen.

Mit Der objektive Geist legt Nikolaus Gerszewski ein außergewöhnliches Werk vor: einhundert Strophen, die Kunst neu denken. In präziser, aphoristischer Form entfaltet sich ein Text, der sich bewusst jeder psychologischen Deutung, jedem Konsens und jeder Relativierung entzieht.

Hier erscheint Kunst als eigenständige Ordnung – mit eigenen Regeln, eigener Logik und einer radikalen Autonomie. Der Text urteilt nicht, er interpretiert nicht, er vermittelt nicht. Er beobachtet.

Im Zentrum steht eine Haltung der reinen Aufmerksamkeit: Kunst als Praxis der Wahrnehmung, der Form und der Entscheidungslosigkeit. Damit stellt sich das Buch konsequent gegen die Erwartung, Kunst müsse verständlich, nützlich oder unmittelbar relevant sein.

Der objektive Geist ist damit weniger Kommentar als Setzung – ein kompromissloser Versuch, Kunst als Denkform sichtbar zu machen, die jenseits von Geschmack und Meinung existiert.

Hier präsentiert der Autor mit einem kurzen Video sein Buch:

Video: Ágnes und Péter Grúz

Acoustheology in Late Modernism

Klang ist in der Spätmoderne zu einer zentralen Denkfigur geworden: von ASMR über Daten-Sonifikation bis hin zu ökologischen und sozialtheoretischen Modellen wird die Welt zunehmend „gehört“ statt nur betrachtet. Musik und Akustik versprechen dabei Verbindung, Sinn und Immersion.

In This is not music untersucht Magdalena Zorn diese Entwicklung unter dem Begriff der „Akustheologie“ – einer Denkweise, in der Klang beinahe religiöse Funktionen übernimmt und Weltbilder prägt. Musik wird so zum universellen Erklärungsmodell, oft verbunden mit der Feier von Resonanz und klanglicher Einheit.

Zorn hinterfragt diese Euphorie kritisch: Wo Klang Nähe und Harmonie verspricht, können auch Konformität, Ausschluss und der Verlust von Distanz entstehen. Das Buch plädiert daher für eine reflektierte Auseinandersetzung mit der Macht des Hörens in der Gegenwartskultur.

Video: Magdalena Zorn

Bestseller der Woche

Unser Bestseller der Woche: ein Titel aus unserem Programm, der derzeit besonders viele Leser:innen erreicht. Jede Woche stellen wir hier ein Buch vor, das aktuell besonders gefragt ist. 

Mit Vocal Adventures legt Lauren Newton, eine der großen Pionierinnen der vokalen Improvisation, ein ebenso persönliches wie praktisches Buch über die Stimme vor.

Newton – seit Jahrzehnten eine prägende Figur der internationalen Szene zwischen Jazz, Neuer Musik und Performance – teilt ihre Erfahrungen mit der Stimme als Ausdrucks- und Erkenntnisinstrument. In einem zugänglichen und zugleich tiefgehenden Stil führt sie durch Atembewusstsein, multiphonische Techniken, solistische und kollektive Improvisation sowie die sozialen und spirituellen Dimensionen vokaler Praxis.

Das Buch funktioniert gleichermaßen als Einführung ins tiefe Hören, als Handbuch für experimentelle Stimmarbeit und als Reflexion über Fantasie, Körperlichkeit und Gemeinschaft im improvisierten Klang.

Geboren in Oregon und seit 1974 in Stuttgart lebend, arbeitete Newton unter anderem mit Anthony Braxton, Phil Minton, Joëlle Léandre, Fritz Hauser und Ernst Jandl. Ihre Diskografie umfasst mehr als 85 Veröffentlichungen; 2020 wurde sie mit dem Jazzpreis Baden-Württemberg für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.

Nicht verpassen:

Ein kleiner Hinweis auf ein Buch, das wir gerade besonders interessant finden oder das kürzlich erschienen ist. Hier lohnt sich noch ein Blick.

Inszenierungen von Wahrnehmung im zeitgenössischen Theater

Margarethe Maierhofer-Lischka untersucht das Hör-Musiktheater als eine experimentelle Kunstform, in der Klang, Raum und szenische Gestaltung ineinander übergehen. Im Zentrum steht die Idee, dass Hören selbst zur körperlichen und räumlichen Erfahrung wird und der Aufführungsraum aktiv am musikalischen Geschehen teilnimmt.

Anhand zentraler Werke von Luigi Nono, Beat Furrer, Adriana Hölszky, Klaus Lang und Chaya Czernowin zeigt sie, wie sich traditionelle Grenzen zwischen Bühne und Publikum, Musik und Theater auflösen. Raum wird zum Instrument, die Stimme zum bewegten Klangkörper, und auch architektonische Strukturen beeinflussen kompositorische Prozesse.

Die Studien machen deutlich, dass Hör-Musiktheater auf immersive, multisensorische Erfahrungen setzt und lineare Erzählweisen durch fragmentierte, offene Formen ersetzt. So entsteht eine hybride Kunstform, die das Verhältnis von Wahrnehmung, Musik und Theater grundlegend neu denkt.

Hier beschreibt die Autorin ihre Motivation für ihr Buch:

„In unserer medialisierten Gesellschaft ist Aufmerksamkeit ein wertvolles Gut. Zuhören als eine Form akustischer Aufmerksamkeit hat nicht nur persönliche, sondern auch soziale und politische Dimensionen. Das Erlebnis einer Aufführung von FAMA von Beat Furrer hat mich motiviert, mich näher mit dem Thema Hören zu beschäftigen. In meinem Buch zeige ich, wie Komponistinnen und Komponisten den Akt des Zuhörens als theatrales Gestaltungsmittel nutzen, um eine neue Form des Hör-Musiktheaters zu schaffen. Durch akustischen und elektronisch gestalteten Klang werden Räume, Situationen und Narrationen geformt, es entstehen innere Bilder – wir lernen im Wortsinne, wie es ist, ‚die Steine zu hören‘ (Luigi Nono) oder ‚mit den Ohren der Haut‘ (Juhani Pallasmaa) zu sehen. Anhand von Einblicken in die Komposition und Aufführung können die Leser in ausgewählten Stücke eintauchen. Eine Anstiftung zum Zuhören!”

Konzeptualisierung und Realisierung des „Sonido 13“ von Julián Carrillo (1921–1925)

Das Buch zeichnet das Porträt eines ebenso faszinierenden wie umstrittenen Pioniers der Musikgeschichte: Julián Carrillo, der mit seinem Konzept des „Sonido 13“ Anfang des 20. Jahrhunderts die Grenzen des westlichen Tonsystems sprengen wollte. Seine Idee einer mikrotonalen Musik, die über die klassischen zwölf Halbtöne hinausgeht, sollte Mexiko einen Platz in der musikalischen Avantgarde sichern – und stieß zugleich früh auf Skepsis.

Die Studie zeigt, dass diese Skepsis nicht unbegründet war. Mit neu erschlossenen Quellen wird deutlich, dass Carrillos Projekt zwischen Innovation und Selbstüberschätzung schwankte. Besonders die Jahre 1921 bis 1925 werden erstmals detailliert rekonstruiert, inklusive der Transkription seiner frühen Kompositionen. Dabei tritt ein komplexes Geflecht aus Experimenten, Missverständnissen und kulturellen Bruchlinien zutage.

Gleichzeitig arbeitet die Untersuchung die tatsächliche Innovationskraft des „Sonido 13“ heraus und verortet es als erstes mikrotonales Kompositionssystem Lateinamerikas. Carrillo erscheint darin als ambivalente Figur: international geehrt und zugleich lange marginalisiert, zwischen Anerkennung und Vergessen.

Insgesamt entsteht das Bild einer mikrohistorischen Entdeckungsreise, die nicht nur musikalische Ideen, sondern auch deren Rezeption kritisch hinterfragt – zwischen Faszination, Mythos und wissenschaftlicher Revision.

Video: Jonas Reichert

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