Bettina Zimmermann über ihren Vater Bernd Alois Zimmermann
Im Herbst 2010 folgte ich einer Einladung nach Straßburg zum Festival musica, das in seinem breitgefächerten Programm auch eine „Hommage à Bernd Alois Zimmermann“ enthielt: ein zweitägiges Kolloquium zu seinem Werk sowie viele Konzerte mit Kammermusik und Orchesterwerken von ihm. Der Komponist und Dirigent Hans Zender war als Gast und Vortragender unter den Teilnehmern des Kolloquiums. Wir sahen uns das erste Mal nach vielen Jahren wieder, und es waren seine schneeweißen Haare, die in mir einen Schrecken hervorriefen über die Rasanz, in der diese Jahre verflogen waren, und zugleich mit diesem Schrecken die Erkenntnis, dass diejenigen, die meinen Vater kannten, mit ihm befreundet waren oder zusammen gearbeitet hatten, ihre Erinnerungen an ihn nicht mehr unbegrenzt würden weitergeben können. Dieser Erkenntnis-Schrecken löste in mir den Impuls aus, Freunde, Schüler, Interpreten meines Vaters um Gespräche zu bitten und sie nach ihm zu befragen. Es entstand zunächst die Idee, daraus eine Sammlung persönlicher Erinnerungen an Zimmermann und authentischer Stimmen zu seinem Werk anzulegen, die als Fundus für eine zukünftige Biografie dienen könnte, deren Autor oder Autorin noch zu finden wäre…
So war der weiße Haarschopf von Hans Zender das auslösende Moment für das, was nun als Buch über meinen Vater vor Ihnen liegt. Ich habe es als Tochter, die das Leben, das Arbeiten und den Tod ihres Vaters „befragt“, erarbeitet; persönlich betroffen, jedoch um Distanz bemüht, um sehen und erzählen zu können. Meine möglicherweise zu große familiäre Nähe als Tochter wird aufgebrochen und relativiert durch den Blick der entfernteren Anderen auf meinen Vater: Zeitgenossen, die ihn in unterschiedlichen Graden persönlicher Nähe bzw. Distanz erlebt und wahrgenommen haben. So bildet das Ausgangsmaterial für dieses Buch die erwähnte Sammlung von Stimmen, die ich aus vielen Stunden Gesprächen gewonnen habe.
Als mein Vater sich das Leben nahm, war ich gerade 18 Jahre alt geworden. Sein Tod und das vorangegangene Drama seiner Krankheit waren traumatisierende Ereignisse für mich, deren „Hintergrundstrahlung“ bis heute fortwirkt; sie bestimmten Wege und Umwege meines bisherigen Lebens mit. Immer wieder warfen sie einen Schatten auf die Erinnerungen an meinen Vater, wie ein schwarzer Tintenfleck, der zeitweise drohte, alles in seine Schwärze zu tauchen. Wer sich mit Zimmermanns Werk und Leben beschäftigt, stößt notgedrungen auf diesen von ihm gesetzten Endpunkt: Selbstauslöschung. Auf dieser „Folie“ wird sehr oft sein Werk betrachtet und auf seine Persönlichkeit geblickt; sie bestimmt das Bild mit, das sich von ihm in den Jahrzehnten seit seinem Tod in der Musikwelt als vorherrschend entwickelt hat.
„Dann male ich dich und dann bist du im Bild!“ war so etwas wie ein Zauberspruch meines älteren Bruders Gereon, den er als Kind ausrief, wenn er uns drohen oder „bestrafen“ wollte. Eine magische Formel, und – wenn die darin enthaltene Drohung zur Ausführung kommen würde – eine Art Bannfluch. Dieser kindliche Zauberspruch enthält die Idee, dass es eine schlimme Strafe für einen Menschen sei, ein für alle Male festgezurrt in einem (einzigen) Bild dargestellt und somit auch gesehen zu werden. Das Bild ist dann ein Gefängnis, in das der Mensch verbannt wird, ohne Einspruch- oder Fluchtmöglichkeit, ohne Gelegenheit zu Bewegung oder Variation: unentrinnbar portraitiert. Ein Bild zerbricht oder wird zerbrochen, darin das in ihm gebannte Gesicht. Es liegt wirr da, zersplittert, in zufälliger Ordnung…: die Scherben aufnehmen und das Bild neu zusammensetzen – es erneut zerbrechen und erneut zusammenfügen – diesen Vorgang mehrfach wiederholen. Daraus Portraitskizzen entstehen lassen, die das vorhandene Material immer wieder neu kombinieren, in einer ständigen Suchbewegung nach dem dazwischen, darunter, dahinter liegenden Gesicht, nach der „Wahrheit“ dieses Gesichtes, das vielleicht „viele Gesichter!“ ist und „viele Wahrheiten“ enthält.
In diesem Buch über meinen Vater folge ich ebendiesem Prinzip des suchenden Kombinierens. Die Collage-Technik bietet sich dafür ebenso an wie die Verwendung unterschiedlicher Materialien: verschiedene Textsorten, Fotos, Briefe, Gespräche, Bilder, Dokumente. Um den Fallstricken zu großer familiärer Nähe – und den damit möglicherweise einhergehenden blinden Flecken im Blick auf die Persönlichkeit meines Vaters – zu entgehen sowie aus dem Wunsch heraus, alle werkbezogenen Ausführungen wissenschaftlich „abzufedern“, wurde es mir im Zuge der fortschreitenden Arbeit am Buch wichtig, mir eine kompetente Begleitung an die Seite zu holen, die diese Aufgabe erfüllen kann. In Rainer Peters und auch Heribert Henrich habe ich diese Begleitung gefunden.
An Ränder, an Grenzen des Erzählbaren (oder Erinnerbaren) stoßend wird Erzählen manchmal stolpernd oder mäandernd, auch lückenhaft: es tastet, fragt, sucht. Ich akzeptiere diese Ränder und erkenne die Grenzen an. Es wird nicht linear („von vorne bis hinten“) erzählt, um am Ende ein „vollständiges Portrait“, eine „durcherzählte“ Biografie anzubieten. Der vollständigste, in jedem Falle authentischste und zugleich am unmittelbarsten erlebbare Ausdruck der Persönlichkeit Zimmermanns ist ohnehin in seiner Musik zu finden: Darin ist seine Biografie miteingeschrieben.
Bei der Suche nach ISBN bitte die Bindestriche weglassen!
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von OpenStreetMap. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Vimeo. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie müssen den Inhalt von reCAPTCHA laden, um das Formular abzuschicken. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten mit Drittanbietern ausgetauscht werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen