Wolke-Blog

Willkommen im Blog des Wolke Verlags! Hier teilen wir regelmäßig Einblicke in unsere Bücher und Projekte – mit Empfehlungen, Autor:innenbeiträgen, Hintergründen und Geschichten aus unserem Verlagsalltag.

International Women’s Month: Stimmen, Perspektiven, Bücher

Der International Women’s Month hat eine lange Geschichte. Seine Ursprünge reichen bis in die frühen Arbeiterinnenbewegungen des 20. Jahrhunderts zurück, als Frauen in Europa und Nordamerika für politische Teilhabe, bessere Arbeitsbedingungen und gesellschaftliche Gleichberechtigung kämpften. Heute ist der Tag weltweit ein Anlass, um auf Fortschritte aufmerksam zu machen – aber auch darauf, wo strukturelle Ungleichheiten weiterhin bestehen.

Auch im Bereich von Kunst, Musik und Literatur waren Frauen lange Zeit unterrepräsentiert oder wurden weniger sichtbar gemacht. Gleichzeitig haben gerade diese Felder immer wieder Räume eröffnet, in denen neue Perspektiven formuliert werden konnten – in Texten, Kompositionen, Performances und künstlerischen Praktiken.

Als Verlag, der sich mit zeitgenössischer Musik, Klang und ästhetischem Denken beschäftigt, sehen wir Bücher als Orte, an denen solche Perspektiven sichtbar werden können: als Essays, künstlerische Reflexionen, theoretische Interventionen oder Erfahrungsberichte aus der Praxis.

Zum International Women’s Month möchten wir daher einige Titel aus unserem Programm hervorheben, die von Autorinnen geschrieben oder herausgegeben wurden und unterschiedliche Zugänge zu Musik, Stimme und Musiktheater eröffnen.

Die Frage nach Identität gehört zu den zentralen Themen einer digitalisierten und hochvernetzten Gegenwart. Wer oder was bestimmt heute, wer wir sind – Herkunft, Religion, soziale Netzwerke, kulturelle Zugehörigkeit?

In diesem Band nähert sich Franziska Kloos der irischen Komponistin und Performer-Künstlerin Jennifer Walshe, deren künstlerische Praxis bewusst mit Identitätskonstruktionen spielt. Walshe entwickelte eine Vielzahl von Alter Egos, rekonstruierte Spuren einer möglicherweise erfundenen irischen Avantgarde und formulierte 2016 mit der “New Discipline” ein Programm für eine Musik, in der Performativität und körperliche Präsenz zentral werden.

Ihre Arbeiten verbinden Musik, Text, Video und digitale Kultur zu vielschichtigen Collagen. Semantische Fragmente, Internet-Ästhetiken und performative Strategien eröffnen neue Formen des Hörens und der Interpretation. Der Band zeigt, wie Walshes Werk die Grenzen zwischen Komposition, Performance und medialer Kultur bewusst verschiebt.

Mit Vocal Adventures legt Lauren Newton, eine der großen Pionierinnen der vokalen Improvisation, ein ebenso persönliches wie praktisches Buch über die Stimme vor.

Newton – seit Jahrzehnten eine prägende Figur der internationalen Szene zwischen Jazz, Neuer Musik und Performance – teilt ihre Erfahrungen mit der Stimme als Ausdrucks- und Erkenntnisinstrument. In einem zugänglichen und zugleich tiefgehenden Stil führt sie durch Atembewusstsein, multiphonische Techniken, solistische und kollektive Improvisation sowie die sozialen und spirituellen Dimensionen vokaler Praxis.

Das Buch funktioniert gleichermaßen als Einführung ins tiefe Hören, als Handbuch für experimentelle Stimmarbeit und als Reflexion über Fantasie, Körperlichkeit und Gemeinschaft im improvisierten Klang.

Geboren in Oregon und seit 1974 in Stuttgart lebend, arbeitete Newton unter anderem mit Anthony Braxton, Phil Minton, Joëlle Léandre, Fritz Hauser und Ernst Jandl. Ihre Diskografie umfasst mehr als 85 Veröffentlichungen; 2020 wurde sie mit dem Jazzpreis Baden-Württemberg für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.

Was passiert, wenn Oper ihre traditionellen Räume verlässt? Der von Ulrike Hartung und Gesa zur Nieden herausgegebene Band untersucht Musiktheater jenseits der großen Metropolen – an Orten, an denen neue Formen entstehen: auf dem Land, in temporären Räumen oder in partizipativen Projekten.

Die Beiträge von Wissenschaftler:innen und Praktiker:innen beleuchten Oper als Experimentierfeld für gesellschaftliche und künstlerische Transformation. Von inklusiven Formaten über ortsspezifische Produktionen bis hin zu neuen Formen der Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinschaften entsteht das Bild einer Kunstform, die sich neu erfindet, wenn sie ihre gewohnten Institutionen verlässt.

Reich illustriert und konzeptionell vielschichtig zeigt der Band, wie Musiktheater auch im 21. Jahrhundert gesellschaftlich relevant bleiben kann – ohne seine ästhetische Komplexität zu verlieren.

Die Pianistin Jutta Hipp gehörte in den 1950er Jahren zu den außergewöhnlichsten Figuren der internationalen Jazzszene – und geriet dennoch lange in Vergessenheit. Geboren 1925 in Leipzig und ursprünglich als bildende Künstlerin ausgebildet, entwickelte sie sich im westlichen Nachkriegsdeutschland rasch zu einem musikalischen Ausnahmetalent in einer stark männerdominierten Jazzwelt.

Als „Europe’s First Lady of Jazz“ gelang Hipp der Schritt in die USA. In New York spielte sie mit zentralen Figuren der Szene und nahm für das legendäre Label Blue Note Records auf – als erste deutsche und weiße Jazzpianistin in einem Umfeld afroamerikanischer Musiker wie Miles Davis, Thelonious Monk oder Horace Silver.

Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere zog sie sich jedoch überraschend aus dem Musikleben zurück und widmete sich fortan anderen künstlerischen Tätigkeiten.
In Plötzlich Hip(p) zeichnet Ilona Haberkamp diese ungewöhnliche Lebensgeschichte nach und nähert sich Jutta Hipp als Musikerin, Künstlerin und Persönlichkeit – eingebettet in die kulturellen und politischen Umbrüche ihrer Zeit.

Seit über fünf Jahrzehnten steht das Moers Festival für musikalische Experimente, Grenzüberschreitungen und eine bewusst alternative Festivalpraxis. Von Beginn an verstand es sich als Gegenmodell zum etablierten Konzertbetrieb: ein soziales Experiment, in dem Austausch, Improvisation und Gemeinschaft zentrale Rollen spielen.

Der Band [re]visiting Moers Festival, herausgegeben von Kerstin Eckstein und Kathrin Leneke, verzichtet bewusst auf eine lineare Festivalgeschichte. Stattdessen entsteht ein vielstimmiges Erinnerungsarchiv, in dem Musiker:innen, Besucher:innen, Mitarbeitende, Fotograf:innen und Zeitzeug:innen gleichermaßen zu Wort kommen.

In fünfzig sehr unterschiedlichen Beiträgen – Erinnerungen, Essays, Gedichten, Zeichnungen – entsteht ein kaleidoskopartiges Bild des Festivals. Das Buch macht deutlich, dass Festivals nicht nur Orte der Aufführung sind, sondern auch soziale Räume, in denen künstlerische Gemeinschaften entstehen und kulturelle Experimente möglich werden.

Die Geschichte der Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik wird oft über prominente männliche Komponisten erzählt: Boulez, Nono, Stockhausen. Doch Frauen waren von Anfang an präsent – als Interpretinnen, Komponistinnen, Organisatorinnen, Journalistinnen und Zuhörerinnen.

In ihrer Studie rekonstruiert Juana Zimmermann erstmals systematisch diese bislang wenig sichtbare Geschichte. Auf Basis umfangreicher Archivarbeit dokumentiert sie über 450 Frauen, die zwischen 1946 und 1961 an den Ferienkursen beteiligt waren.

Das Buch zeigt Darmstadt nicht nur als ästhetisches Zentrum der Nachkriegsavantgarde, sondern auch als sozialen und kulturellen Handlungsraum, in dem unterschiedlichste Akteurinnen aktiv waren. Zugleich wirft die Studie einen kritischen Blick auf die Mechanismen des kulturellen Gedächtnisses – und darauf, warum viele dieser Namen aus der Musikgeschichtsschreibung verschwanden.

Der Band Sound Studies and Sonic Arts Reader versammelt theoretische Beiträge aus dem gleichnamigen postgradualen Studienprogramm der Universität der Künste Berlin. Seit 2017 verbindet das Programm kulturwissenschaftliche Theorie mit praktischer Forschung zu auditiver Kultur, Klangkunst und Medienproduktion.

Die Publikation konzentriert sich auf Essays von Dozent:innen des Theorie-Departments aus dem akademischen Jahr 2020/21. Ihre Texte spiegeln die methodische und disziplinäre Vielfalt der Sound Studies wider – von Musikwissenschaft und Medienwissenschaft über Philosophie und Akustik bis hin zu künstlerischer Forschung.

Der Reader versteht sich damit nicht nur als Sammlung einzelner Beiträge, sondern auch als Dokument eines akademischen Feldes, das sich zunehmend als interdisziplinäre Plattform für das Denken über Klang etabliert.

Bücher als Räume für neue Stimmen

Der Internationale Frauentag erinnert nicht nur an historische Kämpfe um Gleichberechtigung, sondern auch daran, wie wichtig sichtbare Stimmen und Perspektiven in Kultur und Wissenschaft sind.

Für uns als Verlag bedeutet das: Bücher zu veröffentlichen, die neue Formen des Denkens über Musik, Klang und Kunst ermöglichen – und Autorinnen eine Plattform geben, ihre Erfahrungen, Ideen und künstlerischen Praktiken zu teilen.

📚 Mehr Titel von Autorinnen aus unserem Programm finden Sie in unserem Online-Shop.

Bestseller of the Week

Unser Bestseller der Woche: ein Titel aus unserem Programm, der derzeit besonders viele Leser:innen erreicht. Jede Woche stellen wir hier ein Buch vor, das aktuell besonders gefragt ist. 

With February’s Black History Month just gone, there is a moment to reflect on the profound contributions of Black artists to cultural history. In music, few figures embody the spirit of innovation and uncompromising artistic vision as vividly as Eric Dolphy.

Dolphy’s career lasted little more than five years, yet his impact on jazz and contemporary music remains immense. A true multi-instrumentalist, he moved effortlessly between flute, bass clarinet, alto saxophone and clarinet, developing a highly personal sound language that pushed the boundaries of jazz in the early 1960s. His collaborations with musicians such as Charles Mingus produced some of the most striking performances of the era, while his own compositions opened entirely new possibilities for improvisation and ensemble playing.

In Eric Dolphy. Biographical Sketches, the French writer and music critic Guillaume Belhomme approaches Dolphy’s life not through a conventional linear biography but through a series of concise, evocative portraits. These sketches illuminate the artistic intensity of a musician who seemed to move constantly toward unexplored sonic territories.

Belhomme writes:

“For having been an innovator, Eric Dolphy became an original. The depth of his message then caught up with him. At the source he created, a lineage of individual musicians that has not yet faded out of sight has continuously drawn, searching, perhaps, for ways to cross to the other side, beyond the obvious and the easy.”

Dolphy’s music still resonates today precisely because it refuses the obvious. His playing is marked by sudden leaps, fragile lyricism, explosive energy and a constant sense of discovery. Listening to Dolphy often feels like entering a musical language that is still unfolding.

For saxophonist Evan Parker, the book captures this spirit perfectly:

“Finally we have an English translation of Guillaume Belhomme’s wonderful biography of Eric Dolphy. I can read just enough French to know that it is a heart-felt homage to the great man. This translation will make a fuller appreciation possible.”

Belhomme’s book is therefore more than a biography. It is a portrait of artistic independence and a reminder of how radically Dolphy reshaped the possibilities of jazz.

As we reflect on Black History Month, Eric Dolphy. Biographical Sketches invites readers to rediscover one of the most visionary musicians of the twentieth century.

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