Bettina Zimmermann über ihren Vater Bernd Alois Zimmermann:
In den letzten Jahrzehnten erfährt die Musik meines Vaters, des Komponisten Bernd Alois Zimmermann, zunehmend Beachtung und Anerkennung, wie die steigende Zahl an Aufführungen seiner Werke innerhalb und außerhalb Deutschlands zeigt. Vor allem seine Oper „Die Soldaten“ erlebte zwischen 2008 und 2024 geradezu einen Boom an Neu-Inszenierungen und Aufführungen, auch in außereuropäischen Ländern.
Eine musikwissenschaftliche Auseinandersetzung mit einzelnen seiner Werke hatte bereits in den 1970er Jahren bald nach seinem Tod begonnen und setzt sich seitdem kontinuierlich fort.
Im Missverhältnis dazu stand ein Mangel an Wissen über Leben und Persönlichkeit meines Vaters und die persönlichen und zeitgeschichtlichen Hintergründe seiner Stücke. Der Blick auf ihn und sein Werk war bestimmt von einem recht eindimensionalen Bild: dem des tragischen, depressiven Künstlers, der ein komplexes Werk mit teils schwer zugänglicher Musik geschaffen hat.
Diesen verengten Blick aufzubrechen und zu weiten hin zu einer Wahrnehmung auch anderer, bisher nicht oder nur wenig bekannter Aspekte in Zimmermanns Werk und Persönlichkeit war einer der Beweggründe, das Projekt eines Buches über meinen Vater in Angriff zu nehmen. Ein weiterer: das Bedürfnis, möglichst viel Wissen über und authentische Erinnerungen an ihn und die damalige Zeit zusammenzutragen und zu „retten“, solange es noch die Menschen gibt, die ihn kannten und von ihm zu berichten wissen.
Was sagen Zeitzeug:innen und Weggefährt:innen über ihn, seine Zeit, seine Musik?
Was erzählen die Briefe/Briefwechsel meines Vaters?
Welche Einblicke gewähren Dokumente, wie z.B. Programmflyer zu seinen Stücken,
Schulzeugnisse, Arztbriefe, Zeitungsartikel, autographe Partiturseiten?
Was können die Fotos erzählen, die er gemacht hat? Und was die, die ihn zeigen?
Ab Ende 2010 habe ich mich auf den Weg einer gut siebenjährigen Recherche begeben, in der Interviews und zum Teil lange Gespräche mit den Zeitzeug:innen, Freunden und Weggefährt:innen eine zentrale Rolle spielten. Selbstverständlich sind in das Buch auch meine eigenen Erinnerungen an meinen Vater — wie ich ihn, sein Wesen und seine Art und Weise zu arbeiten erlebt habe — mit eingeflossen.
Die Ergebnisse dieser multiperspektivischen Recherche sind in con tutta forza. Bernd Alois Zimmermann zu einem vielstimmigen persönlichen Portrait zusammengeflossen. In der inhaltlich formalen Gestaltung habe ich mich dabei von Charakteristika seiner Kompositionen inspirieren lassen: Pluralismus, Collagetechnik und ein nicht-lineares Verständnis von Zeit.
Die Anregung, con tutta forza auch auf Englisch bereitzustellen, bekam ich durch wiederholte Anfragen etlicher Interpret:innen, vor allem aus dem englischsprachigen Raum. Mit der Veröffentlichung der englischen Ausgabe meines Buches verbinde ich den Wunsch und die Hoffnung, das Wissen über Leben und Werk von Zimmermann und die zeitgeschichtlichen Bedingungen, unter denen er gelebt und gearbeitet hat, über den deutschsprachigen Raum hinaus einem internationalen Publikum näher zu bringen — und damit auch das Interesse für und die Neugierde auf seine Musik zu stärken, zu wecken oder zu erneuern.